#frauenkram: „Hauptsache nicht mitte 30“

30 werden – ein großes Thema in der „Generation Y“, über die so vieles geschrieben wird, dass ohnehin keiner mehr weiß, was er davon halten soll. Diese Generation steht zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kulturen. Die Generation vor ihr lebte weitgehend noch nach klassischen Rollenbildern, heiratete früh, bekam Kinder, machte nur in Ausnahmefällen Auslandserfahrung und war die erste mit einer hohen Scheidungsrate. Die Generation nach ihr lebt ein weitaus grenzenloseres Leben mit dem europäischen Gedanken, empfindet Lebensabschnittspartner und Patchworkfamilien und unsichere Wirtschaftssituationen als völlig normal. Und „wir“ sind irgendwo dazwischen. Annenmaykantereit singen

Und wenn ich dich dann frage, was du werden willst
Dann sagst du immer nur „Ich weiß nicht. Hauptsache nicht Mitte 30“

Der Text gibt wider, was ich überall aufschnappe und wahrnehme. Die 30 gilt als eine magische Grenze. Bis 30 haben wir Welpenschutz und ein gewisses Maß an Narrenfreiheit. Wir denken, man sieht es uns nach, wenn wir feiern waren und müde bei der Arbeit sitzen. Wir dürfen uns Ausrutscher und Fehler leisten. Und wir glauben, dass das mit 30 ein Ende hat. Mit 30 ist es Zeit, „erwachsen“ zu werden. Mit 30 ist es Zeit, über die Zukunft nachzudenken, über Eigenheim, Pensionsvorsorge und was eben sonst noch alles das Leben vieler unserer Eltern bestimmt hat. Wir warten darauf, uns über Nacht anders zu fühlen, uns all den Pflichten und Verantwortungen gewachsen zu sehen.

Nur ärgerlicherweise passiert das so nicht. Wir wachen an unserem 30. Geburtstag auf und fühlen uns genauso wie mit 29. Auf einmal sieht man: erwachsen werden ist eine Entscheidung. Und diese zu treffen ist schwer. Dazu gibt es noch Unterschiede in den Generationen. Während Männer zu ihrem 30. Geburtstag einander auf die Schulter klopfen und sagen „jetzt kommst du ins beste Alter“, posten Frauen Bilder auf Instagram und Facebook mit Hashtags we „#wearestillyoung“.

Wie Männer ihren 30er wahrnehmen, kann ich nur bedingt beurteilen. Aus Sicht der Frauen (die ich kenne) ist es jedenfalls in vielen Fällen zwiespältig. Es gibt diejenigen, die sich darauf freuen und sagen: „endlich werde ich als Erwachsene ernst genommen“ und dann gibt es die anderen. Wenn du als Frau 30 wirst, beginnst du mehr und mehr das Wort „noch“ zu benutzen. Wir sind noch jung. Wir sind noch schön. Aus Medien, Filmen und Fernsehen lernen wir: bis 29 darf/kann/muss Frau ein gewisses Sexualobjekt sein. Barney Stinson fürchtet sich regelrecht vor Frauen über 30. Schon bei Friends stürzte jedes Serienmitglied in eine Krise, als der runde Geburtstag anstand. Wir Frauen wissen, wenn wir eine Familie gründen wollen, sind die nächsten 10 Jahre der Zeitpunkt dafür – und die letzten 10 Jahre sind doch auch verdammt schnell vergangen. Bei vielen führt es dazu, dass sie nicht mehr so frei in den Tag hineinleben können oder wollen, bei manchen beginnt diese Denkweise vielleicht schon mit mitte 20, bei anderen erst mit Ende 30 – irgendwann jedoch müssen wir uns die Frage stellen: wollen wir – oder wollen wir nicht? und eine Entscheidung treffen.

Und genau das ist es, wovor viele (vielleicht zu Recht) großen Respekt haben: Entscheidungen zu treffen, die nicht revidierbar sind. Wir können uns nicht auf gesellschaftlichen Konventionen „ausruhen“, die von uns verlangen, gesellschaftlich konform zu leben, sofern wir kein rebellisches Blut in den Adern haben. Wir dürfen Selbstbestimmung leben. Aber damit kommt Verantwortung, die neu und ungewohnt und manchmal auch beängstigend ist. Wir haben mehrere Möglichkeiten. Eine davon ist, den letzten Lebensabschnitt einfach weiterzuleben und so zu tun, als würde sich niemals etwas ändern. Hier kennen wir uns aus, das ist unsere Komfortzone. Die andere Möglichkeit ist, weiterzugehen, neues Terrain zu betreten. In diesem Fall wissen wir jedoch nicht, was uns erwartet, ob uns das gefällt, ob wir uns damit identifizieren können und wollen.

Wir sind aufgewachsen mit „Sex and the City“, mit Unterhaltungswert und einer leichten Prise Verzweiflung vor dem Älterwerden. Wir sind nicht mehr ganz jung. Wir sind vielleicht auch nicht mehr ganz cool. Aber brauchen wir das? Wer sind wir? Wo ist das positive Generationenbild der 30jährigen, zwischen Dauersingle und Hausmütterchen oder Karrierefrau mit Sorgen der Vereinbarkeit? Es scheint manchmal, als hätte dieser Lebensabschnitt ein Imageproblem, als müsste man sich – egal, welche Rolle man wählt – vor den anderen ständig dafür rechtfertigen. „Denkst du noch gar nicht an Kinder?“ „Denkst du etwa schon an Kinder?“

Dabei ist es doch im Grunde so: wenn man 30 wird, muss man endlich nicht mehr alle Trends mitmachen. Mit etwas Glück hat man schon seinen Stil und ein Stück seiner Persönlichkeit gefunden, man kennt sich selbst und seine Interessen und darf ruhig auch mal „nein“ sagen. Man kann sein Leben selbst gestalten, hat im besten Fall Selbstbestimmung mit wenig Geldsorgen. Es tun sich wunderbare Möglichkeiten auf – die jedoch mit Entscheidungen verbunden sind. Vielleicht der Wermuthstropfen unserer Generation.

Letztendlich läuft alles wieder darauf hinaus:

Wer sich alle Türen offen lässt, wird sein Leben auf dem Flur verbringen.

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12 thoughts on “#frauenkram: „Hauptsache nicht mitte 30“

  1. karinhold

    ich bin aus der Generation, die noch als klassisch beschrieben wird mit definitiv ganz anderem Werdegang und ab Ende dieser Woche steht eine 9 hinter der Vierzig. Aber ganz ehrlich, 30+ war toll. Und danach wurde es irgendwie auch besser. Ich denke, es ist eine Sache der Prioritäten, die mensch sich setzt. Ich hab weder Kinder noch Karriere, jede Menge Abschlüsse in diversen Berufen (die mich auch nur bedingt weiterbringen) und nähere mich dem Alter, in dem es mit neuer Arbeit nicht so einfach ist, eben altersbedingt. Trotzdem Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es – noch besser wird. Erwachsenwerden, im Text als – problembehaftet beschrieben (jedenfalls kommt es mir so vor) ist keine Entscheidung. Das entwickelt sich – und mit Entscheidungen auf die Nase fallen darf man auch noch mit 40. Oder 50. Oder… Es macht aber immer weniger aus. Jedenfalls meiner Erfahrung nach. Just my 2 cents – keine Pank 😉

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    • Fräulein Freud

      hallo karin, herzlichen dank für deinen allerersten kommentar hier auf meinem neuen blogbaby 🙂
      es tut gut zu hören, dass so viele menschen die 30er als großartige zeit erlebt haben. das ermutigt jedenfalls, dass das Leben mit dem Ende der 2 nicht aufhört – wie das gesellschaftlich ja gelegentlich suggeriert wird ^.^

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  2. MissGoldblatt

    Ich finde mich hier so wieder! Ich werde nächstes Jahr 30 und denk mir auch hin und wieder „Oh, jetzt wirds langsam Zeit erwachsen zu werden“. Was ja Quatsch ist. Weil, wie du ja so treffend schreibst, die Grenzen da ja offen sind. Diese Generation frei wie ein Vögelchen ist und sich neu definieren kann, sofern sie mag. Trotzdem hab ich das Gefühl, dass von mir erwartet wird, dass ich mich z. B. in der Kinderfrage langsam entscheide. Hach.

    Ich mag deinen Beitrag sehr. Sehr inspirierend.

    Liebe Grüße
    Rebecca

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    • Fräulein Freud

      liebe rebecca, vielen dank fürs lesen und für deinen kommentar! im grunde genommen ist es glaube ich wichtig, zu wissen, wo man selbst hin will und was zu einem passt. ich finde es nur nicht immer ganz einfach, das rauszufinden. aber dann kann man auch über der urteilerei der anderen stehen.

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  3. Bee

    Liebe Christina, toll dieser Blog hier. Und so schöne Themen 🙂 Ich fand die 30er toll, ich habe so viel erlebt: den ersten Job nach dem Studium für einen ganz anderen aufgegeben. Viel gefeiert, viele Menschen kennengelernt, meinen Mann gefunden, geheiratet, Mutter geworden, wunderschöne, genussvolle Urlaube gemacht. Ich blicke mit einem breiten Lächeln auf diese Zeit zurück.

    Viele Gedanken, die man sich macht, sind durch die Medien in unseren Köpfen. Das Leben ist eben anders als bei Sex and the City, zumindest das Leben der Meisten. Nicht zuviel drüber nachdenken. Ich habe heute einen so schönen Spruch gelesen

    Choose love and kindness over worry

    In dem Sinne, alles Liebe ❤

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    • Fräulein Freud

      vielen dank liebe bee und schön, dass du hierher gefunden hast! es tut wirklich gut zu lesen, dass es doch viele menschen gibt, die diese vermaleiten 30er sehr genossen haben 🙂 es hört sich wirklich nach einem wunderbaren lebensabschnitt bei dir an.

      ich denke auch, dass das leben ganz anders ist, als es medial präsentiert wird. natürlich ist es das. aber man hat halt selber keine erfahrungswerte und gewisse dinge werden sehr mystifiziert. die vermittlung von außen, die informationen, mit denen man rundherum beschallt werden, hämmern einem ins unterbewusstsein „ab 30 wird das leben langweilig“. das ist natürlich völliger blödsinn, aber die angst davor, in einem sich stupid wiederholenden alltag ohne firsts und ohne viel erinnernswertes zu hängen, ist da.

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      • Bee

        Ich glaube, dieser Mythos stammt ausbakten Zeiten. Da hatten die meisten Frauen mit 25 schon ihre Kinder bekommen. Ich kann dir sagen, mein Leben ist nicht langweilig. Gerade, wenn man Kinder hat, ist immer was los und man lernt auch immer neue Leute kennen. Meine Freundin, die keine Kinder hat und genauso alt ist wie ich, führt ein komplett anderes Leben. Life is what you make it

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      • Fräulein Freud

        ja, das ist absolut richtig. aber ich glaube, das ist genau das, was einem manchmal angst macht. man hat es selbst in der hand und muss sich entscheiden, welchen weg man geht. aber wenn man an der kreuzung steht ist einfach nicht immer klar, welcher der richtige ist.

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  4. karinhold

    Ich sag es mal so: vom Kinderbekommen einmal abgesehen – das ist dann etwas längerfristig und will tatsächlich gut überlegt sein – ist ja keine Entscheidung eine wirklich endgültige. Nehme ich den Job oder nicht? Und selbst wenn ich ihn annehme, muss ich ja nicht die nächsten 45 jahre dabei bleiben,..DAS ist etwas, was ich immer wieder versuche, den noch Jüngeren zu vermitteln – auch, wenn ihr euch einen Beruf aussucht, muss das nicht bis zum Lebensende eurer bleiben (was in zeiten der anscheinend hauptsächlich befristeten Arbeitsverträge eh kaum noch passiert. Irgendwas ergibt sich immer!

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    • Fräulein Freud

      absolut richtig – aber das kinderkriegen ja/nein ist halt eben eine dieser ganz zentralen entscheidungen, die in den nächsten jahren getroffen werden muss und die ich persönlich einfach zwiespältig sehe, weil sie nunmal einfluss darauf hat, wie das leben weiter verläuft.

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  5. Nila

    Ich liebe mein Leben. Und zwar in jeder Phase. Für mich ist ja alles eine Sache der Einstellung. Positiv und interessiert nach vorne schauen. Das Leben hat so viel zu bieten. Man muss sich nur entscheiden, auf welchen Zug man aufspringen will. Mittlerweile habe ich drei abgeschlossene Berufe, drei Kinder (21,19,16), eine langjährige Ehe und bin in manchen Situationen noch genau der Kindskopf wie vor 20 oder 30 Jahren. Als eine Frau von Mitte 40 kann ich dir nur sagen, dass man von Jahr zu Jahr zufriedener und ausgeglichener wird.
    Du wirst sehen. 30 ist eine wirklich magisch tolle Zahl. Man weiß schon in gewisser HInsicht was man will und vom Leben erwartet.
    Wichtig ist, nicht seinen Humor zu verlieren und das Leben so nehmen wie es kommt. Positiv denken und wissen, dass es von Jahr zu Jahr immer besser wird. Und ob du einen von dir so gefürchteten stubide wiederholenden Alltag haben wirst, das liegt doch noch immer an dir selbst.
    Meine beste Freundin hat keine Kinder und liebt ihr Leben genauso, wie ich mit drei Stück.
    Alles eine Sache der Einstellung.
    Liebe Grüße.

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