#frauenkram: #metoo – eine virale Reaktion auf den symptomatischen Scheiß von Harvey Weinstein

#metoo schrieb Alyssa Milano am 15. Oktober auf ihrem Twitter-Account. #ichauch sollen all jene (Frauen) schreiben, die in ihrem Leben bereits sexuell belästigt oder genötigt wurden. Ein Hashtag, der innerhalb kürzester Zeit viral ging. Es ist nicht die erste Aktion dieser Art, aber es ruft wieder in Erinnerung, wie viele Frauen davon betroffen sind und damit, wie selbstverständlich dieses Verhalten auch in der westlichen Welt noch zu sein scheint.


 

„Ich bin in den sechziger und siebziger Jahren groß geworden, als noch andere Verhaltensregeln im Privatleben und am Arbeitsplatz herrschten. So war das damals.“ (zitiert aus Zeit online)

Diese Worte dienten als Erklärung und vermutlich gleichermaßen vermeintlich als Entschuldigung von Harvey Weinstein, der über viele Jahre seine Machtposition ausgenutzt haben soll, um Frauen sexuell zu belästigen und zu bedrängen. Die Vorwürfe sind weitreichend und seine Rechtfertigung ein Musterbeispiel des Problemkerns. Sorry Leute, früher war das eben einfach ganz normal und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr oder so. Da macht es sich einer denkbar leicht.

Ein sehr spannendes Zitat fand ich im ze.tt Blog, die Rose McGowans Tweet zitierten:

Dieses Thema, von dem wir hier sprechen, ist einerseits allgegenwärtig wie das Wetter, andererseits so heikel wie die Politik im Nahen Osten. Es ist ein schmaler Grat zwischen (falsch verstandener) Political Correctness, zwischen der Einschränkung der Persönlichkeitsrechte und dem Eingreifen in die Sexualität vs. dem unbedingt notwendigen Schutz all jener, denen diese Dinge passieren.

Was ist also das richtige Maß? Ein ausgesprochenes „Nein“? Ein ausgesprochenes „Ja“? Oder doch eine Armlänge?

Ich bin nicht sicher, ob man diese Problematik letztlich wirklich gesetzlich regeln kann. Worüber ich allerdings sehr wohl sicher bin, ist, dass sich viele Fälle vermeiden ließen, wenn sexuelle Übergriffe – seien sie verbal oder handgreiflich – in der Gesellschaft nicht mehr als Kavaliersdelikt angesehen, als ein bisschen machohaft belächelt werden würden und „sich zu nehmen, was man haben will“ keine positiv besetzte männliche Stärke mehr wäre. Auf der anderen Seite sollten Frauen überzeugt sein, dass sie immer „Nein“ sagen dürfen, dass man nichts über sich ergehen lassen muss und für seine Grenzen einstehen soll. Das eine kann allerdings nur mit dem anderen Hand in Hand gehen.

Mayim Bialik, besser bekannt als „Amy Farrah Fowler“ schrieb dazu einen mittlerweile auch kritisierten Beitrag in der NY Times.

A “TV Guide” critic described me, in a review of the pilot episode of “Blossom,” as having a “shield-shaped” face of “mismatched features.” I never recovered from seeing myself that way.

Solange sich Medien herausnehmen, so über Jugendliche, Frauen, Männer, irgendeinen Menschen zu schreiben, so lange es Menschen gibt, die Geld dafür zahlen, so etwas zu lesen, wird das Problem nicht aus der Welt geschafft werden. So lange es Normalität ist, dass auf diese Art über Frauen (oder Menschen allgemein, doch meist betrifft es Frauen) gesprochen wird, so lange das nicht kritisiert und verurteilt wird, wird Veränderung schwierig sein. Denn hier werden Selbstzweifel geschürt und es fehlt der Respekt; der optimale Nährboden für Herabwürdigung und das Ausnützen von Machtpositionen und allem anderen, was notwendig ist, um weitere Harvey Weinsteins zu produzieren (oder Bill Cosbys. Oder Donald Trumps. Oder oder oder).

Die Kritik an Bialiks Beitrag bezieht sich vor allem auf all das, was sie rund um folgenden Punkt schrieb:

In a perfect world, women should be free to act however they want. But our world isn’t perfect.

An diesem Punkt stößt die Realität mit dem zusammen, was sein sollte. Mayim Bialik zieht ihre Konsequenzen daraus. Keine Operationen, keine Diäten – und daraus resultierend für sie persönlich weniger heikle Situationen. Dies impliziert natürlich auch das Gegenteil und stößt vielen sauer auf.

Doch es gilt in meinen Augen zu unterscheiden: zwischen, Wahrnehmungen die IST-Situationen zu beschreiben, die man selbst erlebt hat und den Konsequenzen, die man daraus zieht ODER Schuld und Verantwortung in Form von victim-blaming bei den Opfern zu suchen. Denn während man dafür kämpft, dass sich die Welt eines Tages ändert, entscheidet man (frau) sich zwangsläufig für einen der Wege – mit all seinen Konsequenzen, die es in der Realität zu tragen gilt.

Der Hashtag #metoo spricht ein Thema an, das in meinem Freundeskreis (in meiner Filterbubble) gerade in den letzten Jahren präsenter wurde. Vielleicht, weil das Thema medial stärker bearbeitet wurde, vielleicht, weil wir aus der relativ sicheren Uni-Blase nun in die Arbeitswelt geschwemmt wurden oder vielleicht, weil wir in ein Alter gekommen sind, in dem man nicht mehr wie ein kleines Mädchen behandelt werden möchte und oft eine Inkongruenz zwischen Selbstbild und Fremdbild fühlt, das immer noch auf alten Stereotypen beruht, denen wir noch nicht ganz entkommen sind.

Seid achtsam in euren Gesprächen und geht verantwortungsbewusst mit Wörtern um, denn es sind die effektivsten Waffen, die wir in diesem Kampf haben.

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7 thoughts on “#frauenkram: #metoo – eine virale Reaktion auf den symptomatischen Scheiß von Harvey Weinstein

  1. irisekorre

    Das Bewusstwerden dieser Strukturen hat aber nicht nur etwas emanzipatorisches. Hinter die Kulissen zu blicken und zu verstehen, dass einem Unrecht getan wird, das man ein Opfer ist – das verschwindet nicht mehr. Früher bin ich gerne alleine spazieren gegangen. Jetzt tue ich es nicht mehr, weil ich ja ein Opfer aller möglichen Taten werden könnte, die mir Männer antun können. Auch wenn das (zum Glück) noch nie passiert ist. Zumindest nichts Schlimmeres als catcalling.
    Das erinnert mich an die rote und die blaue Pille. Wählt man Naivität oder Aufklärung?

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    • Fräulein Freud

      gute frage. am anderen blog hatte ich ja das thema auch und da ging es speziell auch um das thema opferhaltung. das ist nämlich wieder ein ganz schmaler grat, weil man sich davon am besten ganz weit distanzieren sollte, weil es einen leicht vereinnahmen kann. das ungute gefühl beim im allein spazierengehen ist halt etwas sehr spezifisches, gegen das man schwer angehen kann, weil man da angst vor einer situation hat, in der man einfach physisch nicht in der lage ist, sich zu wehren. aber in allen anderen situationen darf und soll man sich glaube ich bewusst werden, dass man sich gegen diesen „opferstatus“ auch wehren kann, indem man verbale übergriffe eben nicht einfach auf sich beruhen lässt.

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  2. sileas

    Dieser Perspektivenwechsel weg von der Opferrolle ist dringend notwendig, aber statistisch wahrscheinlich schwerer zu erfassen :/ (welcher Mann gibt schon zu, dass er jemanden sexuell belästigt?)

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    • Fräulein Freud

      niemand. und darum geht das vermutlich nur auf ganz lange sicht, indem man diesen taten den „kavaliersdeliktstatus“ in der gesellschaft anerkennt. das ist wie früher mit dem rauchen oder betrunken autofahren. wer da nicht dabei war, wurde gleich als weichei oder ähnliches tituliert. heute wird das deutlich negativer gesehen und passiert dadurch wohl auch weniger. wer mit einer dummen tat nicht prahlen kann, verliert hoffentlich auch den spaß daran.

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